
Wachstum klingt oft nach etwas Leichtem, Positivem – doch in Wahrheit bedeutet es, durch Widerstände hindurchzugehen. Nach den Sommerferien spüren viele Menschen die »Jobbångest«, die Angst vor dem Neubeginn. Aber genau in solchen Übergängen liegt die Chance, uns neu zu orientieren. Unsicherheiten und Brüche sind keine Sackgassen, sondern Durchgänge: Sie fordern uns heraus, unsere Ängste auszuhalten, und öffnen zugleich die Möglichkeit, stärker, klarer und freier zu werden.
Wachstum im Übergang
Diesen Impuls schreibe ich im August, im schwedischen Spätsommer an der Ostseeküste. Und ich gestehe: Es hat etwas gedauert, bis ich mich dem selbst gewählten Thema Wachstum und Herausforderungen widmen konnte. Vielleicht geht es mir wie vielen, die die Ferien gern noch etwas hinauszögern würden oder vor dem, was nach dem Urlaub kommt, einen gewissen Respekt haben. Kein Wunder – nach Wochen der Ruhe kündigt sich die Rückkehr in den Alltag an. Hier in Schweden spricht man in diesen Tagen viel von »Jobbångest efter semestern« – der Angst vor dem Arbeitsbeginn nach den Sommerferien. Auch dieser Text erscheint mit einer leichten Verspätung, wohl einfach deshalb, weil er – nun ja – Arbeit ist. Und doch scheint mir gerade jetzt, mitten im europäischen Sommer, der richtige Moment, das Thema aufzugreifen.
Ein Foto aus Langeland von Carsten Zündorf, dem Fotografen dieser Impulse, fällt mir wieder in die Hände. Er schreibt mir dazu: »Zweimal bin ich mit dem Jeep darüber hinweggefahren – auf dem Rückweg habe ich dann zurückgesetzt und für das Foto angehalten.« – Ich kenne das auch, von solchen Phänomenen geht ein starker Impuls aus! Auf dem Bild sieht man eine kleine Gruppe von Blumen, die sich durch den Asphalt einer Straße gedrängt haben. Weiß-gelbe Blüten, zart und verletzlich, haben ihren Weg durch den grauen Belag gefunden. Pflanzen nutzen selbst winzige Schwachstellen, setzen dort ihre Wurzeln an und erweitern Risse mit unermüdlicher Kraft. So entsteht der Eindruck, als hätten diese unscheinbaren Kräuter das Unmögliche vollbracht: harten Asphalt durchbrochen.
Dieses Bild erinnert mich auch an die serbische Performancekünstlerin Marina Abramović und ihre Autobiografie Durch Mauern gehen, die mich sehr beeindruckt: »Indem ich meine Ängste auslote und über meine Grenzen hinausgehe, entdecke ich, dass ich viel stärker bin, als ich jemals dachte.« (Marina Abramović, Durch Mauern gehen. Eine Autobiografie, 2016) – Herausforderungen sind wie Mauern, die uns entgegenstehen. Sie fordern uns heraus, nicht zurückzuweichen, sondern durch sie hindurchzugehen. Wachstum ist selten bequem. Es verlangt Durchhaltevermögen, Mut – und die Bereitschaft, Widerstände auszuhalten.
Unsicherheit als Einladung
Der Übergang vom Sommer in den Arbeitsbeginn zum frühen Herbst ist ein solcher kleiner Widerstand. Wir müssen loslassen, was leicht war, und uns neu orientieren. Zukunft heißt: wieder anpacken, Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen. Doch was sich im Kleinen zeigt – das Ende der Ferien, der Neubeginn im Alltag – gilt auch für die größeren Unsicherheiten des Lebens. Wir alle kennen Zeiten der Angst, des Innehaltens, der Orientierungslosigkeit. Zeiten, in denen wir kaum glauben können, dass aus ihnen einmal etwas Gutes erwächst.
Der dänische Theologe und Philosoph Søren Kierkegaard benennt dies klar: »Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.« (Søren Kierkegaard, Entweder – Oder, 1843) – Im Rückblick erkennen wir, dass Unsicherheit uns geformt, gestärkt, verwandelt hat. Doch mitten im Erleben bleibt uns nichts anderes, als dem Ungewissen mit Vertrauen zu begegnen. Wir brauchen Gelassenheit, um das Offene zu tragen, und Mut, um Schritt für Schritt weiterzugehen.
Unsicherheit ist nicht nur Bedrohung, sie öffnet auch Türen. Das bringt mich zu einer weiteren Quelle des Nachdenkens über das aktuelle Thema. Die französische Schriftstellerin und Philosophin Simone de Beauvoir formuliert es so: »Der Mensch ist nicht das, was er ist, sondern das, was er aus dem macht, was er werden kann.« (Simone de Beauvoir, Le deuxième sexe, 1949) – Wachstum bedeutet, nicht bei einem fertigen Bild von uns selbst stehenzubleiben. Es heißt, offen zu bleiben für Veränderung, für Übergänge, für die Wandlungen, die das Leben von uns fordert.
Die stille Kraft des Lebens
Wenn wir Herausforderungen nur als Bedrohung betrachten, verlieren wir den Blick für ihre Einladung. Sie können uns lehren, Resilienz zu entwickeln, Vertrauen zu gewinnen, neue Perspektiven zu entdecken. Aus Angst kann Mut wachsen, aus Unsicherheit ein Neubeginn, aus Grenzen neue Möglichkeiten. Jede Schwierigkeit birgt die Chance, uns klarer, freier, menschlicher werden zu lassen.
So wie die Blumen auf dem Foto: Sie haben sich nicht von Asphalt und Härte einschüchtern lassen. Sie haben einen Weg gesucht – und gefunden. Nicht den einfachsten, aber ihren eigenen.
Vielleicht liegt darin die größte Lehre: Wachstum ist kein geradliniger Fortschritt, sondern eine Transformation. Es ist das stille, stetige Drängen des Lebens, das uns durch Risse und Brüche führt. Und wenn wir innehalten und zurückschauen, erkennen wir: Wir sind stärker, als wir es jemals gedacht hätten.
Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie mir gern!
Ihr
René Märtin
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