RENÉ MÄRTIN

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4. Juni 2026 by René Märtin

Die Kriege in Dir

Hat der Krieg ihn jemals verlassen? © Maria Bergamin
Hat der Krieg ihn jemals verlassen? © Maria Bergamin
Die Kriege verschwinden nicht, wenn die Waffen schweigen. Sie leben weiter in Erinnerungen, in Familiengeschichten, in Schuld, Angst und Schweigen. Ausgehend von der Geschichte meines Großvaters frage ich, wie die Kriege der Vorfahren, die Kriege der Gegenwart und die eigenen inneren Konflikte miteinander verbunden sind. Ein Impuls über Trauma, Mitgefühl und die langen Schatten der Vergangenheit. Und über die Frage, wo Frieden wirklich beginnt. Vielleicht nicht zwischen Staaten – sondern im Menschen selbst.
 
Zur Zeit beschäftige ich mich intensiver mit der Geschichte meines Großvaters mütterlicherseits, Hans. Ausgangspunkt ist ein Ort, der auf den ersten Blick kaum mit Krieg in Verbindung gebracht wird: das Schloss Miramare bei Triest. Wer heute dort steht, blickt auf die Adria, auf helle Mauern, gepflegte Wege und eine Landschaft von beinahe mediterraner Leichtigkeit. Doch im Sommer 1944 war Miramare Teil einer anderen Wirklichkeit.
 
Mein Großvater war damals dort stationiert. Hans, Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter, sprach fließend Deutsch, Italienisch und Französisch. Gerade deshalb war er für die Wehrmacht wertvoll. Als Dolmetscher und Verbindungsoffizier bewegte er sich in einer Region, die von Partisanenkämpfen, Vergeltungsaktionen und wachsender Gewalt geprägt war. Später sagte er einmal einen Satz, der mich nie ganz losgelassen hat: »Wir haben die Partisanen zusammengekloppt.«
 
Mehr sagte er meist nicht. Vielleicht konnte er nicht mehr sagen. Vielleicht wollte er es nicht. Je mehr ich mich mit seiner Geschichte beschäftige, desto deutlicher wird mir, dass Menschen oft nicht nur an dem leiden, was ihnen widerfahren ist, sondern auch an dem, was sie selbst getan, geduldet oder nicht verhindert haben. Irgendwann muss in ihm etwas zerbrochen sein. Berichte über Erschießungen. Die Erfahrung, Teil eines Systems geworden zu sein, das Gewalt nicht nur zuließ, sondern organisierte. Im Sommer 1944 desertierte er. Er floh durch die slowenischen Berge und gelangte schließlich zur Familie seines Vaters nach Castelfranco Veneto.
 
Er überlebte den Krieg. Aber die eigentliche Frage lautet vielleicht anders: Hat der Krieg ihn jemals verlassen?
Die Traumaforscherin Judith Herman schreibt, dass traumatische Erfahrungen nicht einfach der Vergangenheit angehören. Sie organisieren die Gegenwart neu. Das Erlebte drängt sich in Erinnerungen, Beziehungen und Lebensentscheidungen hinein, oft lange nachdem die äußere Gefahr verschwunden ist. Vielleicht gilt das nicht nur für Menschen, die Gewalt erlitten haben. Vielleicht gilt es auch für jene, die Teil von Gewalt geworden sind.
 
Wenn ich an meinen Großvater denke, denke ich nicht an einen Helden. Ich denke auch nicht an einen Menschen, der sich einfach in die vertrauten Kategorien von Täter und Opfer einordnen lässt. Ich denke an einen Mann, der sich verstrickt hat, der Schuld auf sich geladen hat, der offenbar an Grenzen geraten ist und dessen Leben von diesen Erfahrungen bis zuletzt geprägt wurde. Die Verwundungen des Krieges trug er nicht nur in seinem Körper. Sie begleiteten ihn auch in seinem Inneren. Und manchmal frage ich mich, ob ihre Wirkungen nicht bis heute reichen.
 
Die Kriege der Vorfahren
 
Viele Menschen tragen Geschichten in sich, die sie nie selbst erlebt haben. Sie stammen aus einer Zeit vor ihrer Geburt und wirken dennoch fort. Sie leben in Familienerzählungen, in alten Fotografien, in Gewohnheiten, in Ängsten oder im Schweigen. Oft sind sie uns näher, als wir vermuten.
 
Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann spricht vom »langen Schatten der Vergangenheit«. Gemeint ist damit die Erfahrung, dass Geschichte nicht einfach vergeht. Sie bleibt in Familien, Gemeinschaften und Gesellschaften gegenwärtig. Nicht selten werden Erinnerungen verschwiegen, Schuld verdrängt oder Verluste nie wirklich betrauert. Gerade dadurch können sie über Generationen hinweg wirksam bleiben.
 
Die moderne Traumaforschung spricht davon, dass belastende Erfahrungen nicht einfach mit einer Generation verschwinden. Sie hinterlassen Spuren. Nicht in der Form einer geheimnisvollen Vererbung, sondern durch das, was Familien weitergeben: ihre Sicht auf die Welt, ihre Art zu lieben, zu streiten, zu vertrauen oder sich zurückzuziehen. Menschen, die Krieg erlebt haben, erzählen ihren Kindern oft nicht nur Geschichten. Manchmal geben sie auch ihre Unsicherheit weiter. Ihre Wachsamkeit. Ihre Angst vor Kontrollverlust. Ihre Schwierigkeit, Nähe zuzulassen. Oder ihr Bedürfnis, bestimmte Erinnerungen um jeden Preis zu verdrängen.
 
Vielleicht gehören die Kriege der Vorfahren deshalb nicht nur in Geschichtsbücher. Sie gehören auch in unsere Selbstreflexion. Denn vieles von dem, was uns bewegt, beginnt nicht erst bei uns. Wer die eigene Familiengeschichte betrachtet, entdeckt häufig Verletzungen, Loyalitäten, Schuldgefühle oder Lebensmuster, die über Generationen hinweg weitergewandert sind.
 
Das bedeutet nicht, dass wir Gefangene unserer Herkunft sind. Aber es bedeutet, dass Freiheit oft dort beginnt, wo wir bereit sind hinzuschauen. Nicht um anzuklagen. Nicht um zu verurteilen. Sondern um zu verstehen. Was nicht angeschaut wird, wirkt häufig im Verborgenen weiter. Was verstanden wird, verliert einen Teil seiner Macht. Erinnerung bedeutet dabei nicht, in der Vergangenheit stecken zu bleiben. Sie eröffnet vielmehr die Möglichkeit, sich von dem zu unterscheiden, was bisher unbewusst weitergewirkt hat.
 
Die Kriege der Anderen
 
Lange Zeit konnten viele Menschen in Mitteleuropa glauben, Krieg sei etwas, das anderswo geschieht. Etwas, das in Dokumentationen vorkommt oder in Geschichtsbüchern beschrieben wird. Diese Illusion ist brüchig geworden.
 
Heute erreichen uns Nachrichten über Krieg, Terror und Gewalt innerhalb von Sekunden. Bilder aus der Ukraine, aus Russland, aus Israel und Gaza, aus dem Libanon, aus Syrien oder dem Sudan gelangen unmittelbar auf unsere Bildschirme. Das Leid der Welt ist näher gerückt. Nicht wenige von uns – und so auch meine Frau und ich – sind zudem über Freundschaften, Kolleginnen, Nachbarn oder Familienmitglieder mit Menschen verbunden, deren Heimat von diesen Konflikten geprägt wird. Das verändert etwas.
 
Die Philosophin Martha Nussbaum weist darauf hin, dass politische Gemeinschaften nicht allein von Interessen, sondern ebenso von Emotionen geprägt werden. Angst kann Menschen gegeneinander aufbringen. Mitgefühl kann sie verbinden. Die Frage, welche Gefühle wir nähren, entscheidet oft mit darüber, wie wir auf Konflikte reagieren.
 
Wir erleben nicht nur die eigenen Sorgen. Wir werden täglich Zeugen von Sorgen anderer. Wir lesen von Verlusten, Vertreibungen und Zerstörungen. Wir sehen Bilder von Menschen, die alles verloren haben. Und wir spüren dabei oft eine eigentümliche Mischung aus Mitgefühl und Hilflosigkeit.
 
Der Mensch ist jedoch nicht dafür geschaffen, die Schmerzen der gesamten Welt dauerhaft zu tragen. Deshalb schwanken viele zwischen Anteilnahme und Erschöpfung. Zwischen Betroffenheit und Abstumpfung. Zwischen dem Wunsch zu helfen und dem Bedürfnis, die Nachrichten einfach auszuschalten.
 
Vielleicht besteht eine der großen Herausforderungen unserer Zeit darin, einen Weg zwischen diesen Polen zu finden. Berührbar zu bleiben, ohne daran zu zerbrechen. Anteil zu nehmen, ohne von der Fülle des Leids überwältigt zu werden. Die Not anderer wahrzunehmen, ohne die eigene Handlungsfähigkeit zu verlieren. Mitgefühl braucht Grenzen. Aber Gleichgültigkeit ist keine Lösung.
 
Die eigenen Kriege
 
Je länger ich über die Kriege der Vergangenheit und die Kriege unserer Gegenwart nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob die entscheidenden Schlachtfelder nicht oft ganz woanders liegen. Nicht zwischen Staaten. Nicht an Grenzen. Sondern mitten im Menschen.
 
Jeder kennt innere Konflikte. Die Angst vor dem Scheitern. Alte Kränkungen, die nicht heilen wollen. Schuldgefühle, die uns begleiten. Bitterkeit über erlittenes Unrecht. Den Wunsch zurückzuschlagen, wenn wir verletzt wurden. Die Versuchung, Menschen in Freunde und Feinde einzuteilen. Die Sehnsucht nach Sicherheit, die manchmal stärker wird als die Bereitschaft zur Offenheit.
 
Die großen Konflikte der Welt haben ihre politischen, wirtschaftlichen und historischen Ursachen. Doch sie werden immer von Menschen geführt. Von Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, mit Verletzungen und Feindbildern. Martha Nussbaum erinnert daran, dass jede Demokratie auf der Fähigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger beruht, Mitgefühl für Menschen zu entwickeln, die anders sind als sie selbst. Wo Angst und Ressentiment überhandnehmen, entstehen Feindbilder. Wo Mitgefühl wächst, entsteht die Möglichkeit zum Frieden.
 
Vielleicht beginnt deshalb jeder äußere Frieden mit einem inneren Frieden, der nie vollkommen erreicht wird und dennoch täglich neu gesucht werden muss.
 
Die Frage lautet nicht, ob wir Konflikte haben. Die Frage lautet, wie wir ihnen begegnen. Ob wir zulassen, dass Angst unser Denken bestimmt. Ob wir Bitterkeit nähren oder Versöhnung wagen. Ob wir uns von Hass verführen lassen oder den Mut finden, menschlich zu bleiben. Vielleicht beginnt Frieden genau dort, wo wir den inneren Feindbildern misstrauen lernen.
 
Mein Großvater konnte die Kriege seiner Zeit nicht verhindern. Am Ende konnte er nicht einmal verhindern, dass sie ihn sein Leben lang begleiteten. Aber seine Geschichte erinnert mich daran, wie tief Gewalt in Menschen eindringen kann – und wie wichtig es ist, ihr nicht das letzte Wort zu überlassen.
 
Was helfen kann
 
In einer Welt voller Konflikte suchen viele Menschen nach großen Lösungen. Vielleicht beginnen die entscheidenden Schritte jedoch kleiner. Es hilft, die eigene Geschichte zu kennen. Es hilft, Fragen zu stellen, statt vorschnelle Antworten zu geben. Es hilft, aufmerksam zu werden für die Verletzungen, die wir in uns tragen, und für die Verletzungen anderer Menschen. Es hilft, Gespräche zu führen, wo Schweigen herrscht. Und es hilft, sich immer wieder daran zu erinnern, dass Menschlichkeit nicht erst in großen Gesten sichtbar wird, sondern in der Art, wie wir einander im Alltag begegnen.
 
Judith Herman betont die heilende Kraft des Erinnerns. Aleida Assmann erinnert daran, dass Familien und Gesellschaften nur dann frei werden können, wenn sie sich ihrer Geschichte stellen. Und Martha Nussbaum macht deutlich, dass Mitgefühl keine Schwäche, sondern eine politische und menschliche Ressource ist. Vielleicht weisen alle drei auf dieselbe Wahrheit hin: Frieden beginnt dort, wo Menschen bereit sind hinzusehen – auf die Vergangenheit, auf andere Menschen und auf sich selbst.
 
Frieden ist vermutlich kein Zustand, den wir irgendwann erreichen und dann besitzen. Frieden ist eine Haltung. Eine tägliche Entscheidung. Eine Bewegung gegen die Verhärtung des Herzens. Die Kriege der Welt werden uns vermutlich immer begleiten. Die entscheidende Frage ist dann nicht, ob es Kriege gibt. Sondern welche Macht wir ihnen in unserem Inneren geben.

Ihr René Märtin

Zur Nachlese
 
Judith Herman – Die Narben der Gewalt: Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden (2018)
Ein grundlegendes Werk über die langfristigen Folgen von Gewalt, Krieg und Traumatisierung. Herman beschreibt eindrücklich, warum manche Erfahrungen Jahrzehnte überdauern und weshalb Heilung immer auch mit Erinnerung zu tun hat.
 
Aleida Assmann – Der lange Schatten der Vergangenheit (2021)
Assmann zeigt, wie historische Erfahrungen, Schuld und Erinnerungen Familien und Gesellschaften prägen. Ein kluges Buch über die Frage, wie Vergangenheit in der Gegenwart weiterlebt.
 
Martha Nussbaum – Politische Emotionen (2016)
Nussbaum untersucht, welche Rolle Gefühle wie Angst, Mitgefühl, Hoffnung oder Ressentiment für das Zusammenleben spielen. Ein wichtiger Beitrag zum Verständnis unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Spannungen.

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Kategorie: Impulse für ein sinnvolles Leben Stichworte: Desertion, Erinnerungskultur, Existenzanalyse, Familiengeschichte, Frieden, Identität, Kriegserfahrungen, Lebensgeschichte, Menschlichkeit, Miramare, Mitgefühl, psychologischen, Resilienz, Schuld und Verantwortung, Sinnsuche, transgenerationale Traumata, Trauma, Triest 1944, Versöhnung, Zweiter Weltkrieg

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