
Der Januar ist fast vorbei. Was von den Vorsätzen übrig blieb, ist oft weniger wichtig als das, was jetzt wegfallen darf. Dieser Monat nimmt uns den Lärm, bis man wieder hört, was wirklich ruft. Draußen ist Winter, innen oft auch. Und doch gibt es einen schmalen Übergang: nicht spektakulär, aber tragfähig. Die Frage lautet nicht mehr: Was wollen Sie alles ändern? Sondern: Was darf leichter werden, damit Sie weitergehen?
Carsten Zündorf hat mir im Januar dieses Foto aus Island geschickt. Es hat mich sofort angesprochen. Zu sehen ist kein heroischer Steg ins Glück, eher ein nüchterner Übergang über Wasser. Es könnte ein Weg für Menschen sein – oder ein Pfad, auf dem Vieh sicher hinübergeführt wird. Gerade das gefällt mir: Übergänge sind oft nicht für das große Gefühl gebaut, sondern für das, was getragen werden muss. Links und rechts Weite, dahinter Berge, darüber eine Wolkendecke, die schwer auf der Landschaft liegt. Und vorne: kleine Schären, Inselpunkte, die andeuten, dass es weitergeht. Nur erkennt man nicht, wohin. Der Weg führt ins Offene, ohne Garantie.
Vielleicht ist das der wahrhaftige Ton dieser letzten Januarwoche: nicht »Alles auf Anfang«, sondern Inventur. Nicht Bühne, sondern Übergang. Nicht die große Geste, sondern der Schritt, der trägt, obwohl man nicht weiß, was danach kommt.
Eine Brücke ist ein Zwischenraum. Man ist nicht mehr dort, wo man herkam, und noch nicht da, wo man ankommen wird. Wer auf einer Brücke steht, muss aushalten, dass der Boden unter den Füßen zwar fest ist, das Ziel aber unsichtbar bleibt. Genau darin liegt eine leise Einladung: Gehen Sie nicht, weil Sie alles sehen. Gehen Sie, weil Sie gehen können.
Und dann passiert etwas Überraschendes: Der Übergang selbst wird zum Ort der Entscheidung. Nicht die ferne Küste, nicht der Gipfel, nicht die Inseln – sondern dieser Abschnitt zwischen »nicht mehr« und »noch nicht«.
Die Kunst der Unterscheidung
Die isländische Schriftstellerin Auður Ava Ólafsdóttir legt in ihrem Roman Miss Island der Hauptfigur Hekla einen Satz in den Mund, der wirkt, wie eine Hand am Geländer: »Glaube nicht alles, was du denkst.« In einer Geschichte über die innere Freiheit und das kreative Ringen einer jungen Frau im Island der 1960er Jahre wird dieser Satz zum stillen Gegenmittel gegen fremde Maßstäbe – und gegen die Stimmen im eigenen Kopf, die sich so gern für Wahrheit ausgeben. Kurz gesprochen: Nicht jeder Gedanke ist ein Wegweiser. Manche Gedanken sind nur Wetter.
Ende Januar spürt man das besonders. Ich merke es diesmal ganz konkret an mir: Dieser Newsletter hat länger gebraucht. Zwischen Reisen, Terminen und Aufgaben ist das Schreiben liegen geblieben, obwohl ich mir vorgenommen hatte, »pünktlich« zu liefern. Und kaum passiert so etwas, sind sie da, diese Sätze, die klingen, als wären sie Tatsachen: Du müsstest … du solltest … du hast es wieder nicht geschafft …
Vielleicht ist das der Moment, in dem sich eine Frage lohnt, die selten gestellt wird, weil sie unbequem ist: Wer bestimmt eigentlich, was wir denken? Denn vieles, was in uns »denkt«, ist nicht wirklich unser eigenes Denken. Es sind gelernte Maßstäbe, die wir übernommen haben, ohne sie je zu wählen. Es sind Stimmen aus unserer Herkunft, aus der Arbeitswelt, aus der Kultur der Vergleiche. Es sind Schutzprogramme, die nicht klären wollen, sondern verhindern, dass wir enttäuscht werden. Und manchmal sind es schlicht Müdigkeit und Überlastung, die sich als Urteil verkleiden.
»Glaube nicht alles, was du denkst« heißt deshalb nicht: Trauen Sie sich nicht. Es heißt: Unterscheiden Sie. Geben Sie nicht jedem Gedanken das Steuer in die Hand. Befragen Sie ihn, bevor Sie ihm folgen – gerade im Übergang. Vielleicht hilft Ihnen dafür ein inneres Drehen am Kompass: Ist das, was ich gerade denke, Erkenntnis oder Stimmung? Macht mich dieser Gedanke wahrer oder nur härter? Gehört diese Stimme mir – oder meiner Angst, meinem Ehrgeiz, fremden Erwartungen?
Manchmal reicht das schon: den Gedanken nicht zu bekämpfen, sondern ihn zu entmachten. Er darf da sein, aber er muss nicht bestimmen. So wird der Weg nicht spektakulärer. Aber er wird freier.
Die leisen Stimmen und Ihr Sinn
Ólafsdóttir schreibt in ihrem neuesten Werk Eden sinngemäß: »Es gibt so viele Stimmen in der Welt, und keine von ihnen ist ohne Bedeutung.« Auch dieser eigentlich auf Paulus (1 Kor 14,10) zurückgehende Satz öffnet eine Tür in die Stille. Das ist kein romantisches »Alles ist wichtig«. Es ist eher eine nüchterne Erinnerung an unsere Lage: Wir leben in einem Chor aus Stimmen, Nachrichten, Trends, Rollenbildern, Algorithmen, Ratschlägen, Kritik, Lob – und die inneren Wiederholungen alter Gespräche. Keine dieser Stimmen ist »ohne Bedeutung«. Jede hat ihren Ursprung, ihr Interesse, ihre Geschichte.
Aber genau hier beginnt Ihre Freiheit. Denn dass eine Stimme Bedeutung hat, heißt noch nicht, dass sie Sinn hat. Sinn entsteht nicht automatisch aus Lautstärke. Sinn zeigt sich, wenn Sie ihn erkennen – und mehr noch: wenn Sie ihn bestimmen. Das ist die Arbeit der letzten Januarwoche: nicht noch mehr Input, nicht noch mehr Vorsätze, nicht noch mehr Druck. Sondern ein Sortieren, das Sie wieder zu sich bringt.
Vielleicht ist es nur ein kurzes Innehalten auf dieser »Brücke«: Welche Stimme bringt mich weiter, nicht schneller, sondern stimmiger? Welche führt mich in Verantwortung, ohne mich zu zerreißen? Welche klingt vernünftig, macht mich aber klein? Und welche leise Stimme habe ich überhört, weil sie nicht drängt?
Sinn ist nicht das, was am Ende des Weges wie ein Schild steht. Sinn ist oft das, was Sie im Gehen entdecken, wenn Sie merken: Das entspricht mir. Das trägt. Das ist wesentlich. Und manchmal ist Sinn schlicht die Entscheidung, nicht alles mitzunehmen. Denn eine Brücke hat immer etwas Ungewisses. Wer sie überquert, muss Ballast prüfen. Januar ist Inventur: Was bleibt? Was darf weg?
Vielleicht ist das der Anfang, den dieser Monat meint: nicht alles neu, sondern das Wesentliche wieder frei. Nehmen Sie mit in den Februar, was trägt – und lassen Sie zurück, was nur beschwert. Ein Schritt genügt.
Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie mir gern.
Ihr
René Märtin
Auður Ava Ólafsdóttir – Hotel Silence (Original 2016; deutsch 2023)
Ein stiller, tröstlicher Roman über einen Mann, der am Nullpunkt steht – und ausgerechnet im Wiederaufbau anderer Menschen den eigenen Halt wiederfindet. Ólafsdóttir erzählt Neuanfang nicht als Gefühl, sondern als kleine, konkrete Bewegung: tun, was möglich ist, und dadurch wieder leben lernen.
Auður Ava Ólafsdóttir – Miss Island (Original 2018; deutsch 2021)
Ein kluger Roman über die Frage, wer wir sein dürfen – und wer wir werden, wenn wir uns nicht länger nach fremden Erwartungen richten. Es geht um Sprache, Würde und den Mut, die eigene Stimme zu wählen, auch wenn die Welt lauter anderes will.
Auður Ava Ólafsdóttir – Eden (Original 2022; deutsch 2025)
Ein Neuanfang auf leise Art: raus aus dem Übermaß, hinein in ein Leben, das wieder Boden unter den Füßen sucht – im Wörtlichen wie im Inneren. Ein Buch über Sinn, der nicht »kommt«, sondern im Tun entsteht: pflegen, pflanzen, bleiben, neu beginnen.
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