Viele der Führungskräfte, mit denen ich arbeite, sind politisch. Eigentlich alle, wenn ich genauer hinsehe. Nicht wenige engagieren sich darüber hinaus in Parteien, im Stadt- oder Gemeinderat, im Kreistag, in Verbänden oder Initiativen. Gerade in Wahlzeiten wird dieses politische Selbstverständnis sichtbarer, weil die Appelle lauter werden, sich zur Demokratie zu bekennen, wählen zu gehen und Haltung zu zeigen. Wer mich kennt, weiß, dass ich solche Appelle grundsätzlich unterstütze. Und trotzdem bleibt für mich eine Frage offen, die sich nicht mit einem einfachen Bekenntnis erledigen lässt: Soll Führung politisch sein?
Macht muss lernen gut zu sein
Macht hat keinen guten Ruf – und doch lässt sich Führung ohne sie nicht denken. In einer Zeit wachsender Unsicherheit kehrt ein alter Gedanke zurück: dass Macht eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt und sich nicht einfach moralisch einhegen lässt. Gerade deshalb wächst die Versuchung, sie zu vereinfachen – als Härte, als Durchsetzung, als klare Entscheidung. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, Macht zu vermeiden, sondern sie neu zu verstehen: als Beziehung, als Frage und als Verantwortung.
Wir alle spielen nur Theater?
Führung hat viele Gesichter – und manchmal fühlt es sich an, als würde man sie wie Masken wechseln: hier Zuversicht, dort Härte, dazwischen Müdigkeit. In einem Workshop mit Regionalgeschäftsführern wurde aus der Reflexion über „zehn Rollen“ plötzlich eine existenzielle Frage: Kann ich all diese Hüte tragen – und dabei noch ich bleiben? Dieser Text führt entlang einer Trias aus Selbst, Raum und Beziehung dorthin, wo Rollenspiel nicht mehr Technik ist, sondern Wahrheit: Aneignung oder Entfremdung, Sicherheit oder Angst, Macht oder Gegenseitigkeit.


