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11. Dezember 2025 by René Märtin

Führung und die Frage, wie wir gesehen werden

Wir wissen eigentlich nicht, wie wir gesehen werden. © Original: Carsten Zündorf. Bearbeitung: Steffen Röttger
Wir wissen eigentlich nicht, wie wir gesehen werden. © Original: Carsten Zündorf. Bearbeitung: Steffen Röttger

Führung zeigt sich selten in dem, was wir über uns sagen, sondern in dem, was andere in uns sehen. Doch genau dieser Blick bleibt für viele Führungskräfte erstaunlich unklar. Zwischen Sichtbarkeit und Verletzlichkeit, Anspruch und Resonanz öffnet sich ein Raum, der oft unbesprochen bleibt. Dieser Text lädt dazu ein, ihn zu betreten: mit Mut, mit Reflexion und mit der Frage, die hinter jeder Führungsrolle leise mitschwingt.

Ein Seminarraum in einem Tagungshotel weit vor den Toren Berlins, Anfang Dezember. Die Geschäftsführung eines Verbandes beschäftigt sich mit ihrem Führungsverständnis. Ich habe ein paar Fragen für die Reflexion aufgeworfen: Wie werden wir gesehen? Und: Wie wollen wir gesehen werden? Eine gewisse Ratlosigkeit steht im Raum. »Wir wissen eigentlich nicht, wie wir gesehen werden.« Dieser Satz fällt leise, fast entschuldigend – und doch hängt er wie ein schwerer Vorhang zwischen den Menschen.

Ich erlebe das nicht zum ersten Mal. Ob im Coaching einzelner Führungskräfte oder in der Begleitung von Leitungsteams und Gremien: früher oder später taucht diese Frage auf. Meist dann, wenn Entscheidungen getroffen wurden, Veränderungen laufen oder das innere Bild von sich selbst nicht mehr ganz zum äußeren Echo passt. Es sind Momente, in denen Klarheit brüchig wird – und in denen sichtbar wird, dass Führung nicht nur Kompetenz ist, sondern Beziehung: zu anderen, aber auch zu sich selbst.

Führung hat immer mit Nähe und Distanz zu tun, mit Sichtbarkeit und Rückzug, mit Rolle und Person. Mit Machtverhältnissen – ganz gleich, ob die Organisation hierarchiearm, agil oder klassisch strukturiert ist. Und, ja, auch mit Einsamkeit. Wer führt, steht zwangsläufig im Licht. Doch es ist ein Licht, das gleichzeitig wärmt und blendet. Man wird gesehen und sieht sich selbst dabei nicht immer deutlich.

Selbst ein kleines Führungsteam kann sich der Frage nicht leicht nähern. Nicht, weil es an Klugheit oder Erfahrung fehlt, sondern weil der Resonanzraum fehlt. Feedback ist in Organisationen häufig nach unten gerichtet: Leitungen geben es Mitarbeitenden. Aber das Top-Management? Bleibt nicht selten uninformiert auf der Strecke; geschützt durch Höflichkeit, durch Loyalität oder durch die Sorge, »nach oben« zu klar zu spiegeln. Die Organisation spiegelt selten ehrlich zurück, wie diejenigen gesehen werden, die sie führen. Und daraus entsteht ein paradoxes Gefühl: viel Verantwortung, wenig Rückmeldung.

Doch die Frage »Wie werden wir gesehen?« führt unweigerlich tiefer. Denn sie zieht sofort eine persönliche nach sich: Wie werde ich gesehen? Damit beginnt die existenzielle Dimension. Wer sich zeigt, macht sich verletzlich. Sichtbarkeit ist nie nur ein äußerer Zustand, sondern immer auch ein innerer. Der französische Philosoph Emmanuel Levinas deutet im Blick des Gegenübers eine ethische Anrufung: Der Andere sieht mich – und ruft mich zur Verantwortung.

Das »Antlitz des Anderen« als Quelle von Verantwortung

In »Totalität und Unendlichkeit« (1961) beschreibt Emmanuel Levinas das Antlitz des Anderen (»le visage«) als den Ursprung menschlicher Verantwortung. Dieses Antlitz ist keine physiognomische Erscheinung, sondern Ausdruck von Offenheit, Verletzlichkeit und Unverfügbarkeit. Es spricht, noch vor jeder Entscheidung, eine elementare Forderung aus: »Du sollst nicht töten.« Gemeint ist: Ich bin vom Anderen her in eine Verantwortung gerufen, bevor ich überhaupt »ich« sagen kann. Das Antlitz sagt: Du siehst mich. Ich bin verletzlich. Deshalb bist du verantwortlich. Für Levinas entsteht Verantwortung nicht aus Wahl, sondern aus Begegnung. Ich werde »responsibel«, weil der Andere mich anschaut – oder genauer: weil mich sein Antlitz anspricht und betrifft.

Übertragen auf Führung heißt das: Sichtbarkeit ist nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck einer inneren Bereitschaft, im Feld der Beziehung zu stehen. Wer führt, steht unweigerlich im Blick anderer – und kann sich diesem nicht entziehen. Gesehenwerden heißt, erreichbar und ansprechbar zu bleiben, sich nicht hinter der Rolle zu verstecken und die Wirkung des eigenen Handelns nicht zu umgehen. Verantwortung entsteht dort, wo ich mich berühren lasse: wo mich das Anliegen, die Verletzlichkeit oder die Erwartung eines anderen Menschen erreicht.

So verschiebt Levinas den Blick von einer psychologischen zu einer ethischen Dimension der Wahrnehmung. Führung wird damit zu einem Raum der Beziehung – und damit zu einem Raum der Verantwortung.

In modernen Organisationen gilt Sichtbarkeit oft als Kompetenz: Präsenz zeigen, kommunizieren, Orientierung geben. Levinas jedoch geht tiefer. Für ihn bedeutet sichtbar zu werden, in ein Feld der Verantwortung einzutreten. Denn Sichtbarkeit schafft Beziehung – und jede Beziehung ruft nach Antwort. Wer gesehen wird, kann nicht neutral bleiben. Wer sichtbar ist, wird als Handelnder erwartet. Und wer Verantwortung trägt, wird unweigerlich zum Bezugspunkt anderer.  (Levinas Denken wird nicht selten als radikal und schwer anwendbar kritisiert; doch gerade in dieser existenziellen Zuspitzung erinnert es an etwas, das wir im Führungsalltag allzu leicht übersehen: dass Verantwortung im Blick des Anderen beginnt.)

Damit beschreibt Levinas Grundphänomene von Führung, die heute deutlicher denn je zutage treten. Führung ist per se responsiv: Wer eine Führungsrolle übernimmt, wird von anderen als Orientierungsperson gesehen und erlebt den stillen oder lauten Ruf der Mitarbeitenden nach Antwort. Führung kann sich der Sichtbarkeit nicht entziehen: Auch wer sich weniger Beobachtung wünscht, bleibt im Blickfeld anderer – Unsichtbarkeit wäre keine Führung, sondern Verwaltung. Führung heißt, sich verpflichten zu lassen: nicht im Sinne von Selbstaufgabe, sondern als Anerkennung des Zwischenraums, in dem Verantwortung gelebt werden will.

Aus diesen Grundbewegungen heraus lässt sich verstehen, warum viele zeitgenössische Vorstellungen von Führung immer wieder auf Beziehung, Responsivität und Integrität zurückkommen. Sie greifen – bewusst oder unbewusst – jene Einsicht auf, die Levinas formuliert: dass Führung nicht in erster Linie eine Frage von Technik oder Methode ist, sondern eine Haltung gegenüber dem Anderen. Führung gewinnt dort an Tiefe, wo sie sich nicht über Macht oder Funktion definiert, sondern über Dienstbereitschaft, Verlässlichkeit und die Fähigkeit, Orientierung zu geben, ohne sich selbst zum Mittelpunkt zu machen.

Auch die Vorstellung, dass Führung durch Vorbild wirkt und durch die Qualität des eigenen Seins inspiriert, folgt dieser Linie: Sichtbarkeit ist nicht nur ein organisatorischer Akt, sondern eine ethische Geste. Ebenso gilt, dass moralische Autorität aus Beziehung entsteht: aus dem Bewusstsein, dass jedes Handeln Wirkung hat und dass Verantwortung im Blick des Gegenübers beginnt. Schließlich verweist auch der Gedanke gelingender Resonanz auf denselben Ursprung: Führung ist immer Beziehungsarbeit, ein wechselseitiges Berührtwerden, das sich dem rein Funktionalen entzieht.

Warum Sichtbarkeit Verantwortung erzeugt

So zeigt sich: Diese Vorstellungen sind keine äußeren Modelle, die später zur Führung hinzugekommen sind. Sie sind Ausdruck derselben Grundfrage, die Levinas stellt: Was geschieht, wenn wir einander sehen – und welche Verantwortung wächst daraus? Levinas liefert dafür den philosophischen Grundton: Die Verantwortung des Führenden beginnt im Anderen – und nicht im eigenen Selbstverständnis. Daraus ergibt sich eine radikal andere Perspektive: Die Frage »Wie werde ich gesehen?« ist keine Imagefrage, sondern die Frage nach dem Ursprung von Verantwortung. Wer sichtbar wird, wird verantwortlich. Wer Verantwortung trägt, muss sichtbar werden. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt das Spannungsfeld moderner Führung.

Führung bedeutet also nicht nur, gesehen zu werden – sondern mit dem Gesehenwerden umgehen zu können. Es bedeutet, die eigene Wirkung nicht vollständig kontrollieren zu wollen, sondern sich ihr zu stellen. Resonanz zuzulassen, auch wenn sie irritiert. Und anzuerkennen, dass zwischen Intention und Interpretation immer ein Abstand bleibt.

Viele Führungskräfte wünschen sich Klarheit darüber, wie sie wahrgenommen werden. Doch die eigentliche Frage lautet: Bin ich bereit, es zu hören? Denn gesehen zu werden heißt nicht nur, Bestätigung zu erfahren. Es heißt auch, blinde Flecken zu erkennen. Verantwortung dafür zu übernehmen, wie das eigene Verhalten wirkt – selbst dann, wenn diese Wirkung nicht beabsichtigt war. Und die eigene Rolle nicht als Schutzschild zu nutzen, sondern als Möglichkeit, authentisch zu handeln.

In meiner Arbeit beobachte ich oft, dass Sehnsucht nach Sichtbarkeit und Angst davor dicht beieinander liegen. Gesehen werden heißt: Bedeutung gewinnen. Gesehen werden heißt aber auch: sich aussetzen. Führung balanciert ständig zwischen diesen Polen. Mut zeigt sich darin, sich beiden zuzuwenden – und nicht in die eine oder andere Richtung zu flüchten.

Drei Impulse für die Praxis

1. Räume für ehrliche Spiegelung schaffen
Ehrliches Feedback entsteht nicht durch standardisierte Formate, sondern durch vertrauensvolle Beziehungen. Führung braucht regelmäßige, angstfreie Gelegenheiten zur Rückmeldung: im Team, unter Kolleginnen und Kollegen oder mit externen Sparringspartnern. Sichtbarkeit entsteht durch kontinuierliche Resonanz.

2. Sich selbst zeigen, ohne Inszenierung
Menschen folgen Menschen, nicht Rollen. Führung gewinnt an Tiefe, wenn sie nahbar, klar und authentisch ist. Es braucht keine perfekte Bühne, sondern das ehrliche Einstehen für das eigene Tun. Wer sich nicht hinter Inszenierungen versteckt, wird greifbar – und damit glaubwürdig.

3. Den Mut zur Unschärfe entwickeln
Wir werden nie vollständig wissen, wie wir gesehen werden. Zwischen Selbst- und Fremdbild bleibt immer ein Raum, den niemand ganz kontrollieren kann. Reif ist, wer diese Unschärfe akzeptiert und mit ihr arbeitet. Genau darin liegt Entwicklungspotenzial.

Am Ende führt die Frage »Wie werde ich gesehen?« zu einer viel tieferen: Wie stehe ich zu mir selbst in meiner Rolle? Aus dieser inneren Haltung erwächst jene Form von Sichtbarkeit, die nicht inszeniert werden muss – weil sie getragen ist von Klarheit, Verantwortung und echtem Beziehungshandeln. Vielleicht beginnt Sichtbarkeit also weniger mit dem Blick anderer – sondern mit dem eigenen Blick auf mich selbst. Der Rest entsteht im Zwischenraum menschlicher Begegnung. Dort, wo Führung nicht nur funktioniert, sondern verstanden wird.

Wie gehen Sie mit dem Thema »Gesehen werden« um? Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung – oder Ihren Widerspruch.

Herzlich
René Märtin

Zur Nachlese
 
Emmanuel Levinas Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität (1961/2002)
Levinas Hauptwerk und Grundlage seines Denkens. Hier entwickelt er das Konzept des »Antlitzes des Anderen« als Ursprung menschlicher Verantwortung. Das Buch öffnet Führungskräften einen radikalen Blick auf Beziehung, Verletzlichkeit und ethische Verpflichtung – jenseits von Instrumenten oder Rollen. Ein philosophisches Fundament für alle, die Führung als Beziehungsgeschehen verstehen wollen.
 
Robert K. Greenleaf The Servant as Leader (1970/2015)
Der einflussreiche Essay, mit dem Greenleaf das Konzept begründet hat. Er beschreibt Führung als Dienst am Menschen: Zuhören, Dienen, Ermächtigen. Statt Macht auszuüben, wird Führung zum Raum, in dem andere wachsen können. Ein kurzer, aber wegweisender Text, der bis heute das Ethos moderner Führung prägt.
 
James MacGregor Burns / Bernard M. Bass Leadership (1978/2008)
Das Werk, mit dem der Begriff der transformationalen Führung in die Welt kam. Burns beschreibt Führung als moralische und gesellschaftliche Erneuerungskraft, die Menschen zu Sinn, Wachstum und Verantwortung inspiriert. Bass hat diese Ansätze später empirisch vertieft – doch Burns Originaltext bleibt das visionäre Herzstück.
 
Linda Klebe Treviño Ethical Leadership: A Review and Future Directions (2006)
Der prägende Überblicksartikel von Treviño, Brown und Harrison im The Leadership Quarterly. Er definiert Ethical Leadership als gelebte Integrität, die nicht aus Regeln, sondern aus Beziehung, Verantwortung und Vorbild entsteht. Ein Standardwerk, das die Forschung grundlegend beeinflusst hat und Führungsethik für die Praxis greifbar macht.
 
Hartmut Rosa Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2016/2019)
Rosas großes theoretisches Werk, das Resonanz als Grundform lebendiger Beziehung beschreibt. Führung erscheint hier als Kunst, Ansprechbarkeit zu ermöglichen – ein Gegenentwurf zu Beschleunigung, Entfremdung und rein funktionalen Organisationslogiken. Für Führungskräfte ein tiefes Nachdenken darüber, wie Organisationen wieder »klingen« können.

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Kategorie: Führung und Verantwortung Stichworte: Beziehung, Emmanuel Levinas, Ethik, Führung, Führungsethik, Führungsrolle, Integrität, Kommunikation, Leadership, Orientierung, Reflexion, Resonanz, Selbstbild, Selbstführung, Sichtbarkeit, Verantwortung, Verletzlichkeit, Vertrauen, Wahrnehmung, Wirkung

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