
Manchmal begegnet uns die Vergänglichkeit nicht als Drohung, sondern als leiser Hinweis: dass unser Leben kostbar ist, gerade weil es nicht unendlich dauert. Der November mit seinem gedämpften Licht macht uns empfindsamer für diese Wahrheit. Auf Friedhöfen, in alten Bildern oder in Erinnerungen aus fernen Sommern zeigt sich, wie nah Erinnern und Vergessen beieinanderliegen. Und doch liegt in dieser Endlichkeit eine Kraft, die uns klarer sehen lässt, was wesentlich ist. Dieser Text lädt dazu ein, der eigenen Spur im Leben nachzugehen – nicht mit Schwere, sondern mit einem wachen, warmen Blick.
Stein gewordene Erinnerung
Ich schreibe diesen Text passenderweise kurz vorm Totensonntag. Ein kirchlicher Gedenktag, der für viele heute kaum mehr eine Rolle spielt – und vielleicht gerade deshalb etwas Freies, Ungeschütztes freilegt. Denn auch wenn wir ihn im Kalender kaum noch wahrnehmen, berührt er ein Thema, das tiefer in unser Leben eingreift, als es uns oft bewusst ist: die Endlichkeit.
Während sich das Jahr zurückzieht, der Nebel die Konturen weichzeichnet und der Alltag sich dunkler anfühlt, legt sich dieser Tag wie ein stiller Spiegel über unsere inneren Fragen. Was ist gewesen? Was bleibt? Wem und was gilt unser Gedenken?
Schon vor einer Weile habe ich das hier zu sehende Bild von Carsten Zündorf ausgesucht: eine junge Frau aus Stein. Die Wange auf die Hand gestützt, der Blick gesenkt. In der anderen Hand hält sie einen Lorbeerkranz – Symbol des Ruhms, der Vollendung, der Unsterblichkeit im Gedächtnis der Nachwelt. Ihr Gesicht – notdürftig saniert – ist von feinen Rissen durchzogen, als hätte das Leben selbst darin Spuren hinterlassen. Der Zahn der Zeit ist sichtbar geworden, aber gerade dadurch wirkt sie umso gegenwärtiger.
Wenn ich zum Hasetorfriedhof gehe, suche ich oft gezielt diese Figur, eine von vielen eindrucksvollen Skulpturen, die hier zu finden sind. Der Hasetorfriedhof in Osnabrück – heute ein geschützter Park, früher der erste kommunale Friedhof der Stadt, gehört zu jenen Orten, an denen Erinnerung, Natur und Geschichte ineinandergreifen. Im 19. Jahrhundert ließen sich hier die städtischen Honoratioren, Kaufleute und gebildeten bürgerlichen Familien bestatten. Ihre Gräber waren nicht nur Ruhestätten, sondern auch Ausdruck von Status, Geschmack und Selbstverständnis. Das Grab wurde zum Ort, an dem man – im Spannungsfeld zwischen Erinnern und Vergessen – zeigen wollte, dass ein Leben Bedeutung hatte. Und zugleich wussten alle: Der Tod ist ein Gleichmacher. Kein Reichtum, keine Herkunft, kein Ansehen kann der Endlichkeit entkommen. »Das letzte Hemd hat keine Taschen« – und trotzdem hinterlassen wir Spuren.
Diese Spannung spürt man in der Figur: Sie ist kostbar gearbeitet, idealisiert und klassizistisch – ein bürgerlicher Traum von Dauer. Und doch steht sie da, brüchig geworden, verwittert, verletzlich. Sie verkörpert beides: den Wunsch, festzuhalten – und das Wissen, dass alles vergeht. Solche Friedhöfe begleiten mich: der Melatenfriedhof in Köln, der Ostenfriedhof in Dortmund, der Hamburger Ohlsdorfer Friedhof. Sie sind keine bloßen Sammlungen von Grabsteinen. Sie sind Archive des Menschseins. Orte, in denen Erinnerung Form bekommt – in Stein gegossen, aber nicht erstarrt.
Die junge Frau mit dem Lorbeerkranz ist mehr als eine Allegorie. In der Antike galt der Lorbeer als Zeichen für Sieg, Ehre und Unsterblichkeit – verliehen an Feldherren, Dichter, Olympiasieger. In der christlichen Grabkultur wurde er zum Symbol der Vollendung eines Lebens, das im Rückblick als bedeutungsvoll empfunden wurde. Und zugleich erinnert er daran, dass Ruhm und Anerkennung nur Schatten sind, sobald die Zeit über sie hinweggeht.
Erinnern und Vergessen
Wie schwer es ist, dieses Gleichgewicht zu finden, habe ich vor drei Jahrzehnten während einer rastlosen Reise an einem völlig anderen Ort gespürt: in Mariefred in Schweden, vor der Grabplatte Kurt Tucholskys. Auch ihm, denke ich manchmal, hätte diese Osnabrücker Steinfigur gefallen – ihr Ernst, ihre Würde, ihr feines Wissen um das Unausweichliche.
Damals hatte ich sein Grab gesucht und ohne Mühe gefunden. Schon an der Auffahrt zu »seinem« Schloss Gripsholm hing eine große Tafel, und unten auf dem Stadtplan klebte ein blasser roter Punkt, daneben stand handschriftlich: Tucholsky. Im Hintergrund blinkte der Mälarsee, im Hafen dümpelten die Boote, und das dicke, rote Schloss lag träge auf seiner Halbinsel, als hätte es längst nichts mehr zu bewachen.
Auf dem Friedhof führten verwitterte Holzschilder mit abgeblätterter weißer Farbe den Weg zu seiner Grabstelle. Auch dort stand ganz schlicht: Tucholsky. Kein Pathos, kein Monument, nur eine schlichte Platte. Und darauf die Worte, die Goethe einst in den »Faust« schrieb und die Tucholsky für sich gewählt hatte: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.«
Auf den Ecken des Porphyrs lagen kleine Steinchen – ein stiller jüdischer Gruß –, daneben ein paar winzige schwedische Sommersträußchen, liebevolle Zeichen, als ob »der Alte« noch lebte, »in diesem Schloßanbau«. Man sah ihn fast vor sich: die beiden Zimmer, die Vorhänge im Wind, eine Gestalt am Fenster, die auf den See blickte. Und vielleicht – wer weiß? – eine Prinzessin hinter ihm.
Dort lag er nun, im Schatten eines starken Baumes, und der Sommer flimmerte über Mariefred. Ganz allein stand ich zwischen den Gräbern und ließ die Seele baumeln, bis ein Pärchen kam und mich vertrieb. Ein unspektakulärer Moment – und doch einer, der geblieben ist. Vielleicht, weil er mich daran erinnerte, wie nah Erinnerung und Vergessen beieinander liegen. Wie schnell ein Name verschwindet, und wie zart zugleich die kleinen Zeichen sind, die wir hinterlassen.
Der Hasetorfriedhof und dieser schwedische Sommerfriedhof sind auf unterschiedliche Weise Zeugen derselben Wahrheit: Wir alle werden Teil einer langen Kette von Gleichnissen. Die meisten werden verblassen. Und doch bleibt etwas – ein Wort, ein Stein, ein Sträußchen, ein Bild im Herzen eines Menschen. Genau darin liegt die stille Würde des Erinnerns: nicht in der Behauptung des Bleibenden, sondern im liebevollen Aushalten seines Verschwindens.
Memento mori – das dreifache Flüstern
Der Lorbeerkranz in der Hand der jungen Frau verweist aber auch noch auf etwas anderes: Die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit kommt selten freiwillig. Sie drängt sich auf – durch Krankheit, Verlust, Erschütterung. Oder durch Bilder wie dieses, wenn wir ihnen nicht ausweichen. Das, was wir heute als stille Mahnung empfinden, war einst ein festes Ritual: Memento mori – Bedenke, dass du sterben musst.
Ein Satz, der durch die Jahrhunderte geflüstert wurde – in Kunst, Literatur, Religion. Besonders eindrücklich im antiken Rom: Während der Triumphzüge stand ein Sklave hinter dem siegreichen Feldherrn, hielt ihm einen Lorbeerkranz über das Haupt und flüsterte: »Memento mori.« – »Memento te hominem esse.« – »Respice post te, hominem te esse memento.« (Bedenke, dass du sterben musst. – Bedenke, dass du ein Mensch bist. – Sieh dich um – und bedenke, dass auch du nur ein Mensch bist.)
Diese Worte waren kein Störgeräusch im Jubel. Sie waren das notwendige Gegengewicht. Eine Erinnerung daran, dass Erfolg, Macht, Schönheit – alles Vorübergehendes ist. Dass wir nicht mehr – aber auch nicht weniger – als Menschen sind. Die Skulptur auf dem Hasetorfriedhof scheint dieses alte Flüstern zu kennen. Sie steht da – nicht laut, nicht klagend, nicht dramatisch. Sondern mit einer stillen Würde, die etwas von jenem uralten Wissen bewahrt. Ein memento mori aus Stein. Kein Ruf zur Resignation, sondern eine Einladung zur inneren Klarheit.
Auf dass wir klug werden
Es liegt eine paradoxe Kraft in der Endlichkeit: Sie bedroht nicht das Leben, sie rahmt es. Sie verleiht ihm Kontur und Tiefe. Nicht alles ist gleich wichtig, wenn die Zeit nicht unendlich ist. Wer das begreift, wird empfindsamer für das, was zählt.
»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.« – so heißt es in Psalm 90, Vers 12. Ein Vers, der uns nicht kleinmachen, sondern weiser machen will. Klugheit meint hier nicht Taktik oder Kontrolle. Sondern: Tiefe. Präsenz. Echtheit. Welche Begegnungen will ich nicht aufschieben? Welche Worte nicht verschweigen? Welche Entscheidungen nicht endlos vertagen?
Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hat es auf den Punkt gebracht: »Es ist das Bewusstsein des Todes, das das Leben kostbar macht.« Gerade im November, wenn Licht und Leben sich scheinbar zurückziehen, erinnert uns dieser Gedanke daran: Wir sind nicht gemacht für das Immer, sondern für das Jetzt.
Vielleicht ist es genau dieser Blick, der uns durch dunkle Tage trägt. Dass wir den Tag nicht vergeuden müssen, nur weil er trüb ist. Dass ein Gespräch auf dem Friedhof ebenso kostbar sein kann wie ein Lachen im Licht. Dass wir uns erinnern dürfen – nicht nur an andere, sondern auch an das, was in uns lebendig ist. Und dass wir anfangen dürfen – mit dem, was möglich ist. Heute. Nicht perfekt. Aber echt.
Die Risse im Gesicht der Statue erinnern uns: Wir alle sind nur für eine Weile hier. Aber diese Weile kann leuchten. Und wenn sie leuchtet, bleibt etwas – vielleicht in einem Wort, einer Geste, einer Erinnerung. Nicht unsterblich. Aber bedeutend.
Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie mir gern!
Ihr
René Märtin
Irvin D. Yalom – Existential Psychotherapy (1980)
Das grundlegende Werk des existenzanalytischen Psychiaters. Darin formuliert Yalom den Gedanken, dass die Verdrängung des Todes zugleich die Verdrängung des Lebens bedeutet – ein zentrales Motiv seines Denkens. Philosophisch tief, psychologisch präzise.
Elisabeth Kübler-Ross – On Death and Dying (1969)
Der Klassiker der modernen Sterbeforschung. Kübler-Ross beschreibt darin nicht nur die berühmten »fünf Phasen«, sondern auch die Bedeutung von Bewusstsein, Würde und Menschlichkeit am Lebensende. Ein Buch, das bis heute tröstet und klärt.
Kurt Tucholsky – Schloss Gripsholm (1931)
Der leichte, sommerliche Roman, der untrennbar mit Mariefred verbunden ist. Zwischen Ironie, Wärme und stiller Melancholie entfaltet Tucholsky eine Geschichte, die heute wie ein Gegenbild zum November erscheint – und doch von derselben Vergänglichkeit erzählt.
J.W. von Goethe – Faust. Der Tragödie erster Teil (1808)
Die Quelle des Satzes »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis« (Chor mysticus). Ein Gedanke, der zum Leitmotiv meines Textes wurde und das Spannungsfeld von Endlichkeit, Wandel und Bedeutung auf den Punkt bringt. Weltliteratur mit bleibender existenzieller Kraft.
René Märtin – Vier Essays. Über Endlichkeit, Einsamkeit, Macht und Selbstwerdung (2025)
Ein Band, der vier dichte, existenzielle Texte vereint – darunter »Jenseits von Eden«. In ruhiger, klarer Sprache erkundet er Grenzen, Entscheidungen, Mut und die leisen Übergänge des Lebens. Ein persönliches und doch universelles Buch über Menschsein im modernen Alltag.
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